Wie im [letzten BLOG-Beitrag] erwähnt, bot der Aktienmarkt in Brasilien eine Konstellation, die mir als OSTINVESTOR gefällt.
Ich liebe solche Konstellationen. Wenn sie auftreten, kann ich als selbstdenkender Investor nicht anders:
Ich muss sie intensiv nutzen. Das heisst, ich investiere einen ungewöhnlich hohen Depotanteil. Ich war sogar gehebelt über Optionen auf den EWZ engagiert. Das erfordert eine Änderung der Klassifizierung und Strategie.
Was war speziell?
Das CRV, das Chance-Risiko-Verhältnis, war für einen Einstieg in den brasilianischen Aktienmarkt extrem günstig. Solche CRVs sind an der Börse relativ selten: Selbst wenn Lula im Amt bleiben und sich auch im Parlament keine Verschiebung zugunsten des Mitte-rechts- und Rechts-Lagers ergeben würde, wäre das aus meiner Sicht kein Beinbruch für den brasilianischen Aktienmarkt. Die Kurse waren einfach derart ausgebombt, die Bewertungen extrem niedrig, und trotz widriger politischer Rahmenbedingungen stiegen die Unternehmensgewinne. Dazu ein Langfrist-Chart, der förmlich nach Bodenbildung schrie:
Die Umfragen vor den Wahlen am 4.10.2026 liessen aus meiner Sicht zudem keine derart deutliche Verschiebung bei den Parlamentswahlen erwarten.
Das bedeutete:
Das kurzfristige Rückschlagpotenzial eines Einstiegs über ETFs auf den MSCI Brazil oder FTSE Brazil Ende September 2026, kurz vor den Wahlen, schätzte ich auf etwa 2 %. Ein stärkerer Kursrückgang erschien mir selbst bei einem unerwartet deutlichen Sieg der Sozialisten extrem unwahrscheinlich. Die Chance hingegen sah ich auf kurze Sicht von vielleicht 1 – 2 Wochen bei mindestens 8% – dem Vierfachen des Risikos! Weil nach den Wahlen ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor aus dem Markt wäre. Und auf längere Sicht von einem Jahr traute ich Brasilien durchaus 50 % und mehr Kurspotenzial zu – selbst unter den Sozialisten.
Es kam dann noch besser: Bei den Parlamentswahlen gewannen überraschend viele Kandidaten aus dem nichtsozialistischen Mitte-rechts- und Rechts-Lager. Die Börse brannte ein regelrechtes Kursfeuerwerk ab!
Durch die erheblichen kurzfristigen Gewinne in meinem Depot habe ich mein Brasilien-Investment allerdings von einem Langfrist-Investment – und nur darüber schreibe ich hier im BLOG – zu einem Trade umklassifiziert. Mit Trades gehe ich anders um.
Im Parlament haben die Sozialisten bereits massiv an Einfluss verloren. Am 25.10.2026 folgt nun die Stichwahl zwischen Lula und Flávio Bolsonaro. Und genau dadurch dreht sich das CRV massiv: Das R, das Risiko, ist deutlich gestiegen.
Warum?
Ganz einfach: Falls entgegen der Markt-Erwartung doch Lula gewinnen sollte, halte ich einen Kurseinbruch von mehr als 10 % für möglich. Gewinnt hingegen wie erwartet Bolsonaro, rechne ich damit, dass die Börse am ersten Handelstag nach der Wahl allenfalls ein Plus von höchstens 5 % feiert. Natürlich könnte es mehr werden. Aber ich rechne nicht damit.
Das kurzfristige CRV passt mir nicht mehr. Ich bin daher raus und habe die Gewinne erst einmal realisiert.
Nochmals:
Die Wahrscheinlichkeit eines Wahlsiegs Bolsonaros schätzen die Umfragen derzeit höher ein als die eines Siegs von Lula – aber genau diese Erwartung hat die Börse bereits eingepreist!
Ich bin weiterhin vom Langfrist-Potenzial Brasiliens überzeugt.
Und werde entsprechend wieder ein Investment eingehen. Aber erst nach der Stichwahl. Sollte wie erwartet Bolsonaro gewinnen, muss ich gegebenenfalls zu höheren Kursen zurückkaufen. Diesen möglichen Aufpreis nehme ich in Kauf. Weil ich damit das Risiko eines hohen Rückschlags nach der Wahl vermeiden kann.
Wer das nicht versteht, der zockt.
Zocken gehört ins Casino.
Ich bin Investor und Trader, kein Spieler.
WICHTIGER HINWEIS
Mein Depot ist kein politischer Fanclub. Ich bin Kapitalist. Ich habe weder Sympathie noch Antipathie für den einen oder anderen Kandidaten. Mich interessiert, was ein Machtwechsel mit meinem Depot machen könnte.

