Georgien – Musterbeispiel für selbst denkende Anleger

Wer mich kennt, der weiss, dass mich oberflächliche Risiken nicht abschrecken – im Gegenteil, unter bestimmten Bedingungen ziehen sie mich geradezu magisch an. Nämlich dann, wenn:

  1. Den Risiken exorbitante Chancen gegenüberstehen.
  2. Die Risiken übertrieben aufgebauscht werden…

…. und einer realen Betrachtung nicht standhalten.

Das verstehe ich unter Selbst denken.

Genau so konnte ich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder exorbitante Gewinne erzielen: Vor der Masse dabei sein. Kaufen, solange die Preise schlichtweg deshalb im Keller sind, weil nicht schon „Hinz und Kunz“ dabei ist. Gewinne mitnehmen, wenn auch Joe Public und Lieschen Müller bei der Sparkasse – zu dann oft x-fach höheren Kursen – ordern.

Die bittere Wahrheit für den durchschnittlichen Sparer ist nämlich: Rendite kommt von Risiko. Aber entscheidend für einen Portfolio-Investor (der seine Investments streut, denn genau dazu hat man ein Portfolio) ist immer (immer!!): Das Verhältnis von Chance zu Risiko. Und wenn es ein Land gibt, das dieses Mantra in den letzten zwanzig Jahren geradezu perfektioniert hat, dann ist es Georgien.

Plakat an einer Hauswand in Tbilisi, 2005
Gruppenbild mit Ostinvestor-Lesern während einer Investorenreise durch Georgien & Armenien 2007

Wie aus meinem Investment in die Bank of Georgia ein FTSE-100-Unternehmen wurde

– und warum Georgien noch immer zu den interessantesten Aktienmärkten Europas gehört.

Der Anfang: Ein Land im Umbruch und der Mut des frühen Vogels

Als ich 2004, in der Aufbruchstimmung rund um die historische Rosenrevolution, als einer der ersten ausländischen Privatinvestoren in Georgien einstieg, haben mich viele für verrückt erklärt. Ein ehemaliger Sowjetstaat? Im Kaukasus? Korruption?

Doch während der Mainstream zitterte, sah ich die Chance. Wie zuvor schon in Estland nach der Russland-Krise 1998 – als alle nur „Russland-Risiko“ sahen und nicht wahrhaben wollten, dass das Baltikum ganz anders tickt. Mit dem Amtsantritt von Micheil Saakaschwili und seinen beispiellosen Reformen passierte das, was ich als „Wirtschaftswunder auf Steroiden“ bezeichne. Bürokratie wurde nicht abgebaut, sie wurde mit der Machete gerodet. Korrupte Verkehrspolizisten wurden über Nacht gefeuert. Georgien katapultierte sich im „Ease of Doing Business“-Index der Weltbank von den hintersten Plätzen direkt in die globale Top 10. Wer damals nicht investiert hat, weil ihm das „politische Risiko“ in seinem Reihenhaus zu heikel war, hat schlichtweg eine der grössten Wachstumsstorys unseres Jahrhunderts verpasst.

Das Kronjuwel: Bank of Georgia Group

Aus der damaligen Bank of Georgia ist inzwischen die Lion Finance Group PLC geworden. Das Unternehmen trägt an der London Stock Exchange weiterhin das Kürzel BGEO und die ISIN GB00BF4HYT85.

Hauptgebäude der Bank of Georgia (Quelle: Wikipedia, meine eigenen Bilder gefallen mir nicht)
Innenraum der Private Banking Abteilung der BoG am Liberty Square

Mein Paradebeispiel für diesen unverschämten Erfolg? Die Bank of Georgia. Ich bin seit über zwei Jahrzehnten investiert, und die Aktie ist ein Lehrstück für das, was passiert, wenn man frühzeitig auf ein exzellent gemanagtes Unternehmen in einem aufstrebenden Markt setzt.

Notiert an den Börsen in London und Tiflis, hat dieses Institut eine Performance hingelegt, bei der westlichen Bankern schwindelig wird. Wir reden hier nicht von mageren einstelligen Eigenkapitalrenditen (RoE), wie sie europäische Zombie-Banken jahrelang ablieferten. Wir sprechen von Renditen, die regelmässig die 20-Prozent-Marke sprengen.

Wer im April 2004 für rund 2,21 Lari eine Aktie der Bank of Georgia kaufte und sämtliche Umstrukturierungen mitmachte, besitzt heute eine Lion-Finance-Aktie im Wert von 112,10 Pfund und zusätzlich eine Georgia-Capital-Aktie im Wert von 40,10 Pfund. Allein der Kurswert hat sich damit auf etwa das 244-Fache erhöht – eine annualisierte Kursrendite von rund 28%/Jahr über mehr als 22 Jahre. Hinzu kamen Bruttodividenden von 1,05 Lari und 16,83 Pfund. Aus 1.000 Lari Einsatz wurden so ohne Wiederanlage der Dividenden überschlägig rund 271.000 Lari.
Die Rechnung erfolgt in lokaler Währung GEL. Die gar nicht so schwach ist. Gegenüber Anfang 2004 und gegen den €uro ist der Lari heute nur rund 9,4 % schwächer

Darauf bin auch ich ein klein wenig stolz: Leser meines damaligen Börsenbriefs hatten meine Analyse genutzt und 2004 & 2005 in Aktien der Bank of Georgia – damals nur in Tiflis gehandelt – investiert. Die Bank erwähnte dies mehrfach, so wie hier anlässlich einer Konferenz in Istanbul im November 2005
Warum die Bank of Georgia noch immer ein gutes Investment ist
Zahlen & Fakten:

Die Bank of Georgia hat es verstanden, ein extrem profitables Business (zusammen mit der TBC Bank) in einem Land aufzubauen, das rasend schnell wächst. Massive Dividenden, konsequente Aktienrückkaufprogramme und ein Management, das auf Shareholder Value getrimmt ist. Die Bilanzsumme des Konzerns ist über zwei Jahrzehnte um mehr als das Fünfzigfache gewachsen. 2025 erzielte Lion Finance vor Einmaleffekten einen Vorsteuergewinn von rund 2,2 Milliarden georgischen Lari, 20,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Die bereinigte Eigenkapitalrendite lag bei bemerkenswerten 28,4 Prozent Während Joe Public deutsche Bankaktien hielt und in die Röhre schaute, hat die Bank of Georgia den frühen Investoren Jahr für Jahr Cash in die Taschen gespült. Und macht das auch weiterhin Die georgische Bank of Georgia kontrolliert inzwischen rund 38 Prozent des Kreditmarktes und etwa 41 Prozent der Bankeinlagen des Landes. Ihre Eigenkapitalrendite betrug 2025 sogar 32 Prozent. Die übernommene Ameriabank hält in Armenien etwa 22 Prozent des Kredit- und knapp 20 Prozent des Einlagenmarktes und erwirtschaftete eine Eigenkapitalrendite von 22,6 Prozent. Dabei handelt es sich nicht um einen aufgeblähten Finanzkonzern, der sein Wachstum durch schlechte Kredite erkauft. Die Quote notleidender Kredite lag Ende 2025 bei lediglich 2,1 Prozent, die Kreditkosten bei 0,4 Prozent. Gleichzeitig wuchs das Kreditportfolio währungsbereinigt um knapp 20 Prozent und das Einlagenvolumen um mehr als 17 Prozent. Auch die Verwendung des Kapitals gefällt mir. Für das Geschäftsjahr 2025 wurden insgesamt rund 663 Millionen Lari an die Aktionäre zurückgeführt – etwa 460 Millionen über Dividenden und weitere 203 Millionen über Aktienrückkäufe. Seit Beginn der Rückkaufprogramme im Jahr 2022 wurden Aktien im Umfang von 11,6 Prozent des damaligen Grundkapitals eingezogen. Das ist keine kosmetische Kapitalmarktübung, sondern erhöht den Anteil jedes verbleibenden Aktionärs am Unternehmen. Hinzu kommt eine Digitalisierung, von der viele etablierte westeuropäische Banken nur träumen können. Mehr als 80 Prozent der monatlich aktiven Kunden nutzen digitale Kanäle; über 70 Prozent der Produkte werden inzwischen digital verkauft.

Als ich seinerzeit mein Bankkonto in Georgien mit VISA & AMEX-Kreditkarte eröffnete wurde es sehr schnell meine am häufigsten genutze Bank- und Zahlungsverbindung. 1 einzige Konto-Nummer für 4 verschiedene Währungen (GEL, GBP, USD, EUR). Auf Wunsch Gratis SMS-Alarm bei jeder Abbuchung – darauf musste ich bei den Banken im westlichen Europa mehr als 15 Jahre warten. Usw usw.

Georgien mag beim Pro-Kopf-Einkommen hinter Westeuropa liegen – beim Bankgeschäft liegt es technologisch davor.

 


Saakashvili: Radikale Reformen statt europäischer Verwaltung des Stillstands

Um die Entwicklung der Bank zu verstehen, muss man die Entwicklung Georgiens verstehen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Georgien zeitweise beinahe ein gescheiterter Staat. Die öffentliche Verwaltung funktionierte kaum. Steuerhinterziehung, Schmuggel und Korruption waren keine Ausnahme, sondern Geschäftsmodell. Stromausfälle gehörten zum Alltag. Polizisten wurden nicht als Gesetzeshüter, sondern als Strassenräuber in Uniform wahrgenommen.

Mit der Rosenrevolution im November 2003 und der Wahl Micheil Saakashvilis zum Präsidenten im Januar 2004 änderte sich die Richtung des Landes radikal.

Saakashvili tat etwas, wozu viele westliche Regierungen heute nicht mehr fähig wären: Er reformierte nicht in homöopathischen Dosen, gründete nicht zunächst 17 Arbeitskreise und liess nicht fünf Jahre lang prüfen, ob eine Reform eventuell jemanden verärgern könnte. Er handelte.

Die korrupte Verkehrspolizei wurde praktisch vollständig entlassen und neu aufgebaut. Steuern wurden vereinfacht, Sätze gesenkt und tatsächlich eingezogen. Zoll, Unternehmensgründungen und staatliche Dienstleistungen wurden digitalisiert und entbürokratisiert. Die kleinen alltäglichen Schmiergeldzahlungen, die das Wirtschaftsleben lähmten, verschwanden weitgehend. Die Staatseinnahmen stiegen, obwohl das Steuersystem einfacher wurde. Genau so funktioniert erfolgreiche Wirtschaftspolitik: niedrige Hürden, klare Regeln und konsequente Durchsetzung.

Natürlich war Saakashvili kein Heiliger. Seine Regierung konzentrierte Macht, ging teilweise rücksichtslos gegen Gegner vor und schaffte es nicht, insbesondere die Justiz dauerhaft unabhängig zu machen. Die Anti-Korruptions- und Verwaltungsreformen waren real und beeindruckend; der Aufbau liberaler Institutionen blieb dagegen unvollständig.

2008 kam der Krieg mit Russland. Abchasien und Südossetien befinden sich bis heute ausserhalb der Kontrolle der georgischen Regierung. Für Anleger ist das kein theoretisches Risiko, sondern eine geopolitische Tatsache, die bei der Positionsgrösse berücksichtigt werden muss.

Machtwechsel

2012 wechselte die politische Macht zu Georgian Dream. Die neue Regierung warf nicht sämtliche wirtschaftlichen Reformen über Bord. Georgien blieb grundsätzlich unternehmerfreundlich, hielt an niedrigen Steuern, solider Fiskalpolitik und internationaler wirtschaftlicher Integration fest. Gleichzeitig hat sich das politische System in den vergangenen Jahren jedoch deutlich in die falsche Richtung bewegt.

Die Bevölkerung will nach Europa – die Regierung tritt auf die Bremse

Georgien unterzeichnete 2014 ein Assoziierungs- und Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union, das 2016 vollständig in Kraft trat. Im Dezember 2023 erhielt das Land den Status eines EU-Beitrittskandidaten.

Doch ausgerechnet danach begann die Regierung, die europäische Annäherung faktisch zu sabotieren.

Die EU diagnostiziert demokratische Rückschritte, Probleme bei Wahlen, Einschränkungen von Grundrechten, Druck auf die Zivilgesellschaft und eine zunehmend aggressive Anti-EU-Rhetorik. Im Jahr 2024 erklärte der Europäische Rat den Beitrittsprozess faktisch für angehalten. Ende November 2024 kündigte die georgische Regierung ihrerseits an, bis 2028 keine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen anzustreben.

Das muss man nicht schönreden. Wer Georgien als Investment empfiehlt, aber die politische Entwicklung verschweigt, betreibt Werbung statt Analyse.

Trotzdem sollte man Regierung und Bevölkerung nicht miteinander verwechseln. Ein grosser Teil der Georgier orientiert sich kulturell, wirtschaftlich und politisch eindeutig nach Europa. Die europäische Flagge gehört im Zentrum von Tbilisi beinahe genauso selbstverständlich zum Strassenbild wie die georgische.

Das Problem Georgiens ist nicht mangelnder Wille zur Modernisierung. Das Problem ist eine Regierung, die diesen gesellschaftlichen Wunsch derzeit aus Machtinteresse bremst.

Für den Investor ist genau dieser Konflikt zugleich Risiko und Chance. Wäre der EU-Beitritt sicher, die Demokratie perfekt, der Konflikt mit Russland gelöst und die Rechtsstaatlichkeit auf Schweizer Niveau, wären georgische Aktien nicht zu georgischen Preisen erhältlich.

Sicherheit kauft man fast immer teuer. Unsicherheit kauft man billig.

 

Ein paar Aufnahme von meinem Besuch in Tiflis in 2022:

Altstadt

 


 

Welche georgischen Aktien sind investierbar?

  1. Lion Finance Group: Der Qualitätsführer

Lion Finance bleibt für mich der qualitativ stärkste und naheliegendste Zugang zu Georgien. Das Unternehmen verbindet eine dominante Position im georgischen Bankmarkt mit hoher Profitabilität, digitaler Stärke, solider Kreditqualität und einer aktionärsfreundlichen Kapitalpolitik.

Durch die Ameriabank ist Lion Finance inzwischen allerdings nicht mehr nur eine Georgien-Aktie. Rund 78 Prozent der Konzernaktiva und 69 Prozent des Gewinns entfielen 2025 auf Georgien, während Armenien bereits etwa 21 Prozent der Aktiva und 27 Prozent des Gewinns stellte. Das reduziert die Abhängigkeit von einem einzigen Land, bringt aber zusätzliche politische, regulatorische und währungsbezogene Risiken mit sich.

Lion Finance ist heute eher ein regionaler Finanzkonzern im Südkaukasus als eine reine georgische Bank.

Eine Korrektur zur heutigen Börsenrealität ist wichtig: International handelbar ist die Lion-Finance-Aktie über die London Stock Exchange. In der aktuellen offiziellen Aktienliste der Georgian Stock Exchange wird BGEO nicht als zum Handel zugelassener Titel geführt. Historische lokale Notierungen und die operative Bank in Georgien ändern daran nichts.

  1. TBC Bank Group: Der aggressive Konkurrent

Die zweite grosse georgische Bankaktie ist die ebenfalls in London notierte TBC Bank Group, ISIN GB00BYT18307.

TBC ist in Georgien ähnlich stark positioniert wie die Bank of Georgia und besitzt zusätzlich eine schnell wachsende digitale Finanzplattform in Usbekistan. 2025 erzielte der Konzern einen Nettogewinn von rund 1,4 Milliarden Lari und eine Eigenkapitalrendite von gut 24 Prozent. Das Kreditvolumen betrug mehr als 30 Milliarden Lari, die Einlagen lagen bei knapp 26 Milliarden. Die digitalen Angebote des Konzerns erreichten bereits mehr als sieben Millionen monatlich aktive Nutzer.

Lion Finance ist für mich eher der etablierte Qualitätswert mit ausgeprägter Kapitalrückführung. TBC bietet dafür zusätzliche Wachstumsfantasie durch Usbekistan. Diese Expansion kann enorme Werte schaffen – sie erhöht aber auch das Ausführungs-, Kredit- und Regulierungsrisiko.

Wer beide Banken hält, sollte sich nicht einreden, damit ausreichend diversifiziert zu sein. Beide Unternehmen hängen trotz ihrer Auslandsaktivitäten stark von denselben regionalen Faktoren, Kapitalströmen und geopolitischen Risiken ab.

Zwei georgische Banken sind keine globale Diversifikation.

  1. Georgia Capital: Die Beteiligungsgesellschaft für die zweite Reihe

Die in London gelistete Georgia Capital PLC, ISIN GB00BF4HYV08, ist die interessanteste Möglichkeit, auch ausserhalb des Bankensektors an der Entwicklung des Landes teilzunehmen.

Georgia Capital investiert in georgische Unternehmen aus Bereichen wie Gesundheitswesen, Apotheken, Versicherungen, Bildung, erneuerbare Energien, Getränke, Auto-Dienstleistungen und Einzelhandel. Zusätzlich hielt die Gesellschaft Ende 2025 noch rund 16,9 Prozent an Lion Finance.

Damit erhält der Aktionär eine Mischung aus Bankbeteiligung, privaten georgischen Unternehmen und Bewertungsabschlägen. Genau darin liegen Chance und Problem.

Die Chance besteht darin, über Georgia Capital an Unternehmen beteiligt zu sein, die an der kleinen lokalen Börse gar nicht direkt investierbar sind. Das Problem besteht in der komplexeren Bewertung, Holdingkosten, teilweise geringer Transparenz der privaten Beteiligungen und dem üblichen Abschlag von Beteiligungsgesellschaften auf ihren Nettoinventarwert.

Georgia Capital ist deshalb kein Witwen-und-Waisen-Papier. Sie ist eine unternehmerische Beteiligung an Georgiens Binnenwirtschaft.

 


Die Börse Tbilisi: Mehr Datenbank als Börse

Wer jetzt erwartet, an der Georgian Stock Exchange ein breites Sortiment unterbewerteter georgischer Nebenwerte vorzufinden, wird enttäuscht. Das war mal – nur die frühen Ostinvestoren konnten auswählen & profitieren. Für ausländische Portfolio-Investoren spielt die georgische Aktiengeschichte deshalb hauptsächlich in London.

Die offizielle Liste der zum Handel zugelassenen Aktien enthält derzeit lediglich Liberty Bank und VTB Bank Georgia. Liberty Bank wurde zudem 2024 von der regulären Börsennotierung genommen und war zuletzt Gegenstand eines Pflichtübernahme- beziehungsweise Einziehungsverfahrens.

Aber ich bleibe am Ball, denn es könnte sich wieder etwas tun:

Welche Sektoren bieten an der lokalen Börse Tbilisi/Tiflis die besten Chancen?

Konsum, Gesundheit, Versicherungen und Bildung

Mit wachsendem Pro-Kopf-Einkommen steigen die Ausgaben für Medikamente, private Gesundheitsleistungen, Versicherungen, Schulen, Fahrzeuge und höherwertige Konsumgüter. Diese Sektoren sind über Georgia Capital teilweise investierbar.

Gerade Bildung ist langfristig wichtig. Georgien verfügt über eine aussergewöhnlich hohe Alphabetisierungsquote von annähernd 100 Prozent. Die Einschulungsquote im Primarbereich liegt ebenfalls bei rund 99 Prozent. Das Land besitzt damit mehr Humankapital, als sein derzeitiges Pro-Kopf-Einkommen vermuten lässt.

Ich beobachte genau, welche Unternehmen hier an die Börse gehen könnten.

Energie und erneuerbare Energien

Georgien verfügt durch seine Gebirgslandschaft über erhebliche Wasserkraftressourcen und könnte seine Lage zwischen energieexportierenden und energieimportierenden Regionen stärker nutzen. Das Problem für Portfolio-Investoren ist nicht die wirtschaftliche Attraktivität, sondern der derzeit noch  fehlende direkte Börsenzugang. Viele Energieprojekte sind privat, staatlich oder allenfalls über Anleihen investierbar. Über Georgia Capital besteht eine begrenzte indirekte Beteiligungsmöglichkeit. Aber auch hier gibt es Anzeichen eines „Going Public“. Wenn die Bewertung passt werde ich als einer der ersten dabei sein.

Transport und Logistik

Georgien liegt zwischen Schwarzem Meer, Türkei, Zentralasien, Aserbaidschan und Armenien. Der sogenannte Mittlere Korridor zwischen China, Zentralasien und Europa hat durch die politischen Risiken traditioneller Transportrouten an Bedeutung gewonnen.

Auch hier gilt: Das Thema ist wirtschaftlich überzeugender als das Angebot börsennotierter Aktien. Georgische Häfen, Eisenbahnen, Strassen und Logistikunternehmen sind für normale ausländische Aktieninvestoren nur sehr eingeschränkt zugänglich. Aber auch hier gibt es Anzeichen eines „Going Public“. Und auch hier gilt: Wenn die Bewertung passt werde ich als einer der ersten dabei sein.

Tourismus

Georgien bietet Kaukasus, Schwarzmeerküste, historische Städte, Weinregionen und eine eigenständige Küche. Tourismus besitzt enormes Potenzial, ist aber zyklisch, krisenanfällig und politisch sensibel. Auch in diesem Sektor fehlen liquide börsennotierte Pure Plays.

Nicht jedes gute wirtschaftliche Thema ist aber automatisch ein gutes Aktieninvestment. Der Sektor wäre mir zu riskant.

 


Warum Georgien weiterhin attraktiv ist

Georgiens nominales Bruttoinlandsprodukt lag 2025 bei rund 38 Milliarden US-Dollar, das Pro-Kopf-Einkommen bei knapp 9.700 US-Dollar. Die Wirtschaft wuchs 2025 real um 7,5 Prozent, nach noch höheren Wachstumsraten in den Vorjahren. Für 2026 und die mittlere Frist erwarten Weltbank und Internationaler Währungsfonds eine Normalisierung auf ungefähr fünf Prozent. Das wäre noch immer ein Mehrfaches des Wachstumstempos vieler westeuropäischer Volkswirtschaften.

Das reale Pro-Kopf-Einkommen hat sich seit 2010 mehr als verdoppelt. Trotzdem besteht gegenüber Westeuropa weiterhin ein gewaltiger Rückstand. Genau dieser Abstand ist das wirtschaftliche Aufholpotenzial.

Georgiens Staatsverschuldung liegt unter 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Leistungsbilanzdefizit fiel 2025 auf lediglich 2,6 Prozent des BIP, während die Währungsreserven als ausreichend beurteilt werden. Das Land hat also nicht nur Wachstum, sondern derzeit auch eine wesentlich solidere makroökonomische Basis als viele klassische Krisenstaaten.

Die hohe Bildungs- und Alphabetisierungsquote ist ein weiterer Vorteil. Georgien besitzt eine technisch gut ausgebildete Bevölkerung, vergleichsweise niedrige Lohnkosten und eine ausgeprägte unternehmerische Kultur. Das erklärt mit, weshalb die Digitalisierung im Bankwesen, im Zahlungsverkehr und bei öffentlichen Dienstleistungen so schnell vorangekommen ist.

Beim Thema Demografie sollte man allerdings keine Märchen erzählen. Georgien ist kein junges Schwellenland mit explodierender Bevölkerung. Das Medianalter liegt bei ungefähr 40 Jahren. Emigration, niedrige Geburtenraten und der Verlust qualifizierter Arbeitskräfte sind reale Probleme.

Gleichzeitig liegt die Arbeitslosigkeit noch immer bei rund zwölf Prozent. Das ist sozial problematisch, bedeutet wirtschaftlich aber auch, dass zusätzliches Wachstum nicht sofort an vollständiger Auslastung und Arbeitskräftemangel scheitern muss.

Das Risiko liegt nicht dort, wo die Schlagzeilen es vermuten lassen

Natürlich kann die politische Entwicklung eskalieren. Die Regierung könnte sich weiter von Europa entfernen. Sanktionen könnten Investoren abschrecken. Die georgische Währung könnte abwerten. Russland bleibt ein militärischer und politischer Risikofaktor. Ein kleines Land mit 3,7 Millionen Einwohnern wird niemals dieselbe wirtschaftliche Stabilität besitzen wie die USA oder Deutschland.

Doch Risiken verschwinden nicht dadurch, dass man sie ignoriert. Sie verschwinden auch nicht dadurch, dass man nur Aktien aus Ländern kauft, die in den vergangenen Jahrzehnten politisch stabil waren.

Der grösste Fehler eines Anlegers besteht darin, Sicherheit mit einem bekannten Firmennamen oder einer westlichen Börsennotierung zu verwechseln.

Auch eine überbewertete amerikanische Technologieaktie kann ein katastrophales Chance-Risiko-Verhältnis besitzen. Umgekehrt kann ein profitables, wachsendes und solide kapitalisiertes Unternehmen in einem politisch schwierigen Land ein ausgezeichnetes Investment sein.

Man muss nur die Positionsgrösse richtig wählen.

Ich würde niemals mein gesamtes Vermögen auf Georgien setzen. Genau dafür besitzt man schliesslich ein Portfolio. Innerhalb eines breit gestreuten Portfolios kann eine Position in Lion Finance, TBC Bank oder Georgia Capital jedoch ein asymmetrisches Investment darstellen: begrenzter Kapitaleinsatz, aber erhebliche Gewinnchancen, falls Georgien seinen wirtschaftlichen Aufholprozess fortsetzt und langfristig doch wieder auf den europäischen Weg zurückkehrt.

 


 

Fazit: Vor der Masse dabei sein

Mein Einstieg in die Bank of Georgia im Frühjahr 2004 war kein Investment in ein fertiges Erfolgsmodell. Es war ein Investment in die Möglichkeit, dass sich ein heruntergewirtschafteter postsowjetischer Staat reformieren und wirtschaftlich neu erfinden könnte.

Diese Wette ist in grossen Teilen aufgegangen.

Aus einer kleinen georgischen Bank wurde ein hochprofitabler regionaler Finanzkonzern und schliesslich ein Mitglied des FTSE 100. Aus einem korrupten und beinahe funktionsunfähigen Staat wurde eine wachsende Volkswirtschaft mit moderner Verwaltung, wettbewerbsfähigem Bankensystem und europäisch orientierter Bevölkerung.

Der Weg verlief nicht geradlinig. Der Krieg von 2008, die ungelösten Territorialkonflikte und die aktuelle politische Rückwärtsbewegung zeigen, wie fragil der Fortschritt bleibt.

Aber genau deshalb ist die Geschichte noch nicht vollständig eingepreist.

Wer erst investiert, wenn Georgien Mitglied der Europäischen Union ist, die Regierung sämtliche demokratischen Standards erfüllt, der Konflikt mit Russland gelöst wurde und jeder westliche Fondsmanager georgische Aktien in seinem Depot hält, wird möglicherweise sehr ruhig schlafen.

Er wird aber auch sehr viel höhere Preise bezahlen.

Ich kaufe lieber, solange die Schlagzeilen schlecht, die Bilanzen aber gut sind. Solange andere noch diskutieren, ob Georgien überhaupt investierbar ist. Und solange nicht schon Joe Public und Lieschen Müller bei ihrer Hausbank georgische Aktienfonds zeichnen. Wobei ich nicht weiter kaufe. Denn das habe ich schon 2004…..

An der Börse wird nicht derjenige reich, der erkennt, was alle anderen längst erkannt haben. Sondern derjenige, der rechtzeitig erkennt, was die anderen erst morgen verstehen.

Dieser Beitrag beschreibt meine persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen. Er stellt keine individuelle Anlageberatung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.

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